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melodie & rhythmus | April 2008 SEITE 85

MEINE LABYRINTHE

Gereimtes & Ungereimtheiten

von Julia de Boor.

Wenn die Sprache der Lyrik sich einen Weg durch das Unterholz des Faktischen bahnt, dann mag es – angesichts des je eigenen Zugangs zur Welt –nur folgerichtig sein, wenn dieser als ein Labyrinth erscheint. Zumindest lässt sich so der Titel erklären, den die 1971 geborene Julia de Boor ihrem Debüt gibt. Das Lyrikbändchen „Meine Labyrinthe“ versammelt nach eigener Aussage „gereimtes & ungereimtheiten“. Wollte man böse sein, wären Letztere bereits auf der Umschlagrückseite zu registrieren, wo das Lektorat offenbar "verschieden“ ist. Doch wäre es ungerecht, sich vom ersten Eindruck leiten zu lassen, hieße das doch, auf so eine hübsche, durch Komprimierung entstandene Wortschöpfung wie „hättendochdiedingeschuld“ verzichten zu müssen, die im Gedicht „gelb“ auftaucht. Dabei haben Dichtungen wie diese, die sich in der sprichwörtlichen „Ungereimtheit“ freien Versmaßes vorstellen, durchaus Grund neidisch zu sein. Denn jene in gereimter Strophenform vermögen meist stärker  zu berühren als die vorgenannten. Zu den Ausnahmen zählt der „Dreikampf“, an dessen Schluss es heißt: „spring hinauf geduld / und rufe unerbittlich: kampf“. Von reizvoll-eigenwilliger Struktur ist auch das „kopfkino“, welches den  Moment des Filmrisses mit dem Prozess der Endlosschleife vereint. Hilflos, fast stimmlos klingt dagegen ein dreizeiliger Vers ohne Titel: „schweig still verzweiflung / draussen kreiselt ein / spärlich gefühl“. Darin mit schwingt das  sprachlose Ringen, das von dem Verlust eines nahen Menschen kündet. Demenzerscheinungen, die von der schmerzlichen Entmächtigung des Subjekts berichten, sind denn auch gleich in mehreren Texten zu finden. Fragloser Höhepunkt des kleinen Bändchens ist das spielerische „liebeslied für du“, in dem dieses lustvoll dekliniert und neu verbunden wird. In den ersten Zeilen liest  sich das wie folgt: „ich liebe dein dir dich das ist kein scherz: // ich liebe dein /  etwegen tee mit ingwer // ich liebe dir / ekte blicke in mein herz“. Letzteres wird auch beim Leser angesprochen, wenn er dem Gedicht begegnet, das de Boor einem befreundeten Paar zu deren erstem Ehejahr gewidmet hat. In schlichten, fast klischeehaften Strophen nähert sie sich über Fragen dem Geheimnis des Zweiseins auf eine unmittelbar emotionale Weise. Doch was sind schon Worte? Die schreibende Schauspielerin und Sprecherin de Boor weiß darauf eine  Antwort: Es sind Lebenszeichen, Schmerzenslaute und Gedankentreibgut.

TEXT: CHRISTIAN DORN

JULIA DE BOOR „Meine Labyrinthe - Gereimtes & Ungereimtes“ BoD 64 Seiten, 15,95 Euro