Wie meine Schwester schlecht riechen lernte

 

Es gibt Erlebnisse im Laufe einer Biografie, die sich von Zeit bemerkbar machen, wie ein zu weit geschnürter Rollschuh: die Blasen drücken einen ja nicht beim Laufen, sondern immer erst, wenn man den Schuh ausgezogen hat. Wissen Sie, was ich meine?

Zu einer solche Blase entwickelte sich bei mir die Sache mit der Knetrolle.

Im Alter von etwa 11 Jahren liebte ich es, alle möglichen und unmöglichen Figuren aus allem Möglichen und Unmöglichen zu plastizieren. In Thüringen hatten wir in den 1980er Jahren noch nicht diese Riesenauswahl an Knetrollen wie heutzutage. Bei uns gab es entweder Ton oder die härteste aller harten Riesenknetrollen, mit einem Durchmesser von etwa 7,5 cm und einer Länge von bestimmt 50 cm. Genau genommen hätte man eigentlich einen Waffenschein dafür erwerben müssen, aber bei uns im Osten lief das wirklich unter dem Begriff "Kinderspielzeug". Nun ja.

Da wir in unserer Wohnung keine Töpferwerkstatt beherbergen konnten, blieb uns also nur die Variante der Riesenrollen - das war immernoch besser, als keine ausgelebte Schöpferkraft!

Meine Schwester, Marie, und ich liebten uns wirklich sehr, wie Sie vielleicht schon durch die eine oder andere Geschichte mitbekommen haben. Wir waren wohl die typischen Schwestern, die einerseits viel miteinander spielten, andererseits unsere Eltern mit den alltäglichen Streitereien in den Wahnsinn trieben. Immer wollte die Eine, was der Anderen gehörte und umgekehrt; das ging soweit, daß unsere Eltern uns zu Weihnachten ganz bewußt jeweils die Klamotten oder Spielzeuge schenkten, die eigentlich der Anderen zugedacht waren, denn, wir würden ja sowieso darum streiten und letzten Endes tauschen.

Marie, 13 einhalb Monate älter als ich, liebte es, mir überlegen zu sein. Nicht umsonst hatte sie sich zum Beispiel unser "Wie-groß-ist-die-Nase-von-Spiel" ausgedacht. Sie wußte von vorne herein, daß sie mich darin immer und ewig würde besiegen können. Mein Lieblingsspiel hingegen hieß "Sag: feig!" und funktionierte so, daß ich ihr mit irgendetwas drohte, was ich tun würde, dann sagte sie immer: "Das tust du ja doch nicht." und ich antwortete: "Sag: feig!" Je nach dem Grad der Gefährlichkeit für uns Beide, sagte Marie dann: "Feig!" oder unterließ es tunlichst und steckte lieber meinen Triumph weg. Manchmal ließ sie sich aber auch von meinem Mut anstecken: Als wir einmal wegen der Masern beide nicht zur Schule konnten, hatte dieses Spiel zu einem pompösen Topfkonzert auf unserem Balkon zur Mittagszeit geführt und gleichermaßen zu einer ebenso pompösen Beschwerde unserer Nachbarn bei Mama und Papa.

Aber im Allgemeinen war Marie deutlich weniger mutig als ich.

Verhältnismäßig harmlos endete mein Lieblingsspiel einmal mit dem Wutgeheul meiner Schwester. Wir hatten auf unserem Balkon gefrühstückt und irgendwie ergab es sich, daß ich mit der Butter an meinem Frühstücksmesser auf sie zielte. Ihr rutschte der Eröffnungssatz quasi butterweich heraus, ich ging zum Angriff über mit der Antwort und sie ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen, "Feig!" zu erwidern - Flatsch! landete der gelbliche Klumpen direkt auf ihrem strohblonden Pony kurz über dem rechten Auge. Wahrscheinlich ärgerte sie sich diesmal vor allem über sich selber...

Ein anderes Mal führte mein Spiel zu einer Menge Süßigkeiten für uns beide. Ich hatte einen unserer geflochtenen Einkaufskörbe an ein Seil gebunden. Innen lag ein Zettel mit der Aufforderung, etwas Süßes hinein zu legen. Unterschrieben hatte ich mit "die hungrigen Kinder" und ich provozierte Marie so lange, bis sie endlich das in diesem Fall ersehnte "Das tust du ja doch nicht." von sich gab. Der Rest war schnell gesagt und auch getan. Den Korb ließ ich von unserem Kinderzimmerfenster aus bis zum Wohnzimmerfenster unserer Untermieter hinab, dort baumelte er nicht allzu lange und wenige Minuten später konnte ich eine Handvoll Kekse und eine ganze Tafel Diabetikerschokolade in meinen Mund stopfen. Marie bekam dieselbe Menge für sich, obwohl mir alleine diese fantastische Idee gekommen war - das ist doch nun wirklich wahre Geschwisterliebe, oder?

Eines Tages allerdings, trieb ich es zu weit.

In unserem gemeinsam bewohnten Kinderzimmer befand sich ein weißer langer Heizkörper, hinter dem man prima nicht nur Kastanien und Legofiguren, sondern auch Bausteinrollen und sogar jene eingangs erwähnten Riesenknetrollen verschwinden lassen konnte. Das trug dann freilich nicht zu deren  Verarbeitungsqualität bei, sondern verschärfte noch ihren Härtegrad - zumal im Winter. Irgendwann einmal muß ich mich in in kreativer Not befunden und auf diese versteckten Reserven besonnen haben. Genau weiß ich es nicht mehr; Fakt ist aber: ich hatte es geschafft, eine weiße Riesenknetrolle aus ihrem Heizungsgefängnis zu befreien und wollte gerade weiter an meinem Weihnachtsgeschenk für Papa, einer vollständig gekneteten Darstellung der Weihnachstgeschichte, arbeiten. Einen herzerweichenden roten Joseph, eine besorgte blaue Maria und ein gelbes schreiendes Baby in der Krippe hatte ich schon in stundenlanger Versunkenheit hergestellt. Nun sollte noch ein Engel dazu kommen und um einen grünen seiner Art zu produzieren, hatte ich wohl, Dank meiner Eltern, schon zuviel Kirchenleben im real existierenden Sozialismus erfahren. Es blieb also nur, das Weiß wieder aus seiner Versenkung zu holen, was mir gerade gelungen war, als Marie auftauchte - in feinster Stänkerlaune. Sie machte sich gleich über meinen Joseph lustig, der den Mund weit offen hatte, weil er doch ganz inbrünstig zu Gott beten sollte. Marie aber meinte, der sei wohl tierisch müde, dabei sei doch Maria diejenige, die das Baby bekommen habe und er noch nicht einmal der richtige Vater. Da reichte es mir. Meinen lieben Joseph mein, der Maria doch beim Wiegen des Kindeleins so eilfertig zur Seite stand, sollte mir diese blöde oberschlaue Kuh nicht ungestraft schlecht machen. Ich erhob den 50 cm langen weißen ausgehärteten Kneteknüppel mit drohender Gebärde, woraufhin Marie den fatalen Fehler beging, gleich, ohne sich an den normalen Spielablauf zu halten, "Feig!" zu rufen und ich ihn reflexartig in Richtung ihres Kopfes abschlug. Wie in Zeitlupe sah ich das weiße Geschoss sich mehrfach überschlagend auf ihr Gesicht zufliegen. Dahinter: Maries weit aufgerissenen Augen und ihren Mund, der unhörbar ein: "NEIN!" formte. Im nächsten Moment flog ich hinterher, um die Riesenrolle wieder einzufangen, aber zu spät: Ich war einfach nicht schnell genug. Landete auf den Beinen der bereits ohnmächtig umgesunkenen Marie. Daß ich diesmal zu weit geangen war, spürte ich gleich und begann laut loszuheulen: "Wach auf, Marie! Nicht tot sein! Nicht sterben! Mariiiiiiiieeeee!!!!!" Was sich unseren Eltern, die ein paar Sekunden später zur Tür herein stürmten, für ein Bild geboten haben muß - ich darf gar nicht daran denken: die eine Tochter Blut überströmt, die andere zur Totenklage halb auf ihr schluchzend. Zum Glück erwachte Marie im nächsten Moment aus ihrer Ohnmacht und wirkte zunächst noch etwas benommen, schrie und zeterte aber im darauffolgenden Augenblick los, wie eine Amsel, deren Nest eine Elster belauert, als sie all das Blut auf ihrer Rüschenbluse entdeckt hatte. Gott sei Dank, blieb das an jenem Abend auch ihre einzige Teenie-Sorge, abgesehen von prächtigen Kopfschmerzen. Die Nase aber, deren Unmenge an Blut mich Marie schon hatte sterben sehen lassen, mußte weder genäht, noch sonst irgendwie umgehübscht werden...

Erst zwei Jahre später machte sich eine schmerzende Blase bemerkbar - um beim Anfangsbild des zu weit geschnürten Rollschuhs zu bleiben - unsere Mama kehrte im Sommer von einer Dienstreise aus Frankreich wieder und schwärmte unter anderem  vom Duft der blühenden Zitronenbäume. Meine Schwester Marie warf völlig verständnislos ein: "Was soll denn daran besonderes sein?! Wie riechen denn Zitronen?" und kurz darauf berichtete sie aus dem Chemie-Unterricht, daß sie eine Wette gewonnen hatte, weil sie es länger als 1 Minute lang aushielt, sich ein Gläschen Ammoniak unter die Nase zu halten. Es hat also - zugegebener Maßen nur selten, aber doch immerhin hat es  - auch sein Gutes, schlecht riechen zu können. Und übrigens ist nichts bewiesen. Vielleicht konnte meine Schwester vorher auch schon nicht besser riechen, denn, wie wußte Marie bei ihrer Hochzeit vor 17 Jahren zur Freude aller Gäste zu berichten: unser Großvater hat auch schon schlecht gerochen!

 

12.07.08 für meine Schwester Mary

 

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